Short Stories

Botschaft aus dem Jenseits

 

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah eine unheimliche Gestalt, dass Wesen trug einen blauen Smoking und schwarze Lederschuhe. Der Mann hatte kurze graue Haare und blaue Augen, die tief in den Höhlen lagen. Seine Haut war faltig, er wirkte alt, aber sehr gepflegt.
„ Hilf mir, hilf mir!“, sagte die Gestalt.
Im ersten Moment war ich zu erschrocken, um irgendetwas zu unternehmen. Dass konnte doch nicht wahr sein, Geister gab es doch nicht, zumindest war ich davon immer überzeugt gewesen. Dann schlug ich mir auf die Wange, um sicher zu gehen, dass ich auch wirklich wach war. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen, als ich sie wieder öffnete, war das Wesen verschwunden. Zuerst war ich erstaunt, unwillkürlich machte sich in mir ein Gedanke breit, dass ich dieses Wesen tatsächlich gesehen hatte. Doch ich verdrängte ihn wieder und redete mir ein, dass es wohl nur an der Übermüdung lag und daran, dass ich momentan beruflich sehr angespannt war. Ich goss mir ein Glas Whisky ein und ging ins Bett.
Am nächsten Morgen stand ich auf und ging zur Arbeit, der Tag verlief normal, trotzdem ging mir das Erlebnis von heute Nacht nicht mehr aus dem Kopf. Irgendetwas in meinem Inneren sagte mir, dass es keine Einbildung gewesen war, sondern dass ich den Kerl tatsächlich gesehen hatte. Am Abend, als ich von der Arbeit nach Hause kam, kam mir Herr Wildhut im Flur entgegen.
„Geh mir aus den Weg!“, sagte er.
Ohne etwas zu erwidern wich ihm aus und ging in meine Wohnung. Eigentlich kam ich mit allen Nachbarn ganz gut klar, nur dieser Herr Wildhut war einer solcher Typen, denen man nicht auskommen konnte, er hatte ständig was zu meckern und keiner hier im Haus mochte ihn. Ich hatte das Gefühl, dass er verbittert war.
Jeder mied ihn und ich hatte auch nie mitbekommen, dass er Besuch bekam oder ähnliches, aber er selber wusste alles, er wusste wer bei jedem ein und ausging, da er ständig mit seiner Nase an der Scheibe klebte. Als ich gegen Abend nach Hause kam, steckte ich mir Lasagne in die Mikrowelle und verbrachte den Rest des Tages vor der Flimmerkiste. So um 22:30 Uhr ging ins Bett. Um Punkt zwölf wurde ich erneut durch einen hellen Schein geweckt. Noch etwas verschlafen öffnete ich die Augen. Die Gestalt von gestern Abend saß auf meinem Bett und schaute mich an.
„Nur ein Traum, es ist nur ein Traum“, versuchte ich mir einzureden, obwohl ich es inzwischen besser wusste.
Ich fasste allen meinen Mut zusammen und fragte: „Wer bist du? Was willst du von mir?“
„Hilf mir, bitte hilf mir.“, antwortete der Geist.
„Wie soll ich dir helfen?“
Der Mann antwortete nicht, sondern zeigte auf meine Garderobe. In meinem Kopf schossen die Gedanken hin und her. „Was sollte ich dort? Und warum besucht er gerade mich?“ Ich beschloss zur Kleiderablage zu gehen. Die Gestalt zeigte auf meine Jackentasche. Ich griff hinein und ertastete ein zusammengefaltetes Stück Papier, auf dem stand:
Herr Wildhut ist mein Mörder
Sekundenlang starrte ich die Botschaft an. „Was hatte das alles zu bedeuten? Hatte Herr Wildhut etwa den Mann der mich besuchte auf dem Gewissen? Hatte er ihn umgebracht?“
Ehe ich meinem Gast etwas fragen konnte, war er erneut verschwunden.
Ich beschloss der Sache auf den Grund zu gehen, aber vorher musste ich wissen, wer der Kerl war, der mir die Botschaft gegeben hatte? Ich hoffte, dass ich ihn heute Nacht treffen würde, denn er würde mir diese Botschaft ja nicht geben, ohne mir näheres zu erklären. Der nächste Tag verlief relativ ruhig, auch wenn ich die letzte Nacht nicht geschlafen hatte. Nach der Arbeit fuhr ich nach Hause, wenn der Typ wollte dass ich ihm helfe, würde er mich sicher noch einmal kontaktieren, um mir zu sagen wie.
Ich wurde nicht enttäuscht, um Punkt zwölf wurde ich durch ein seltsames Geräusch geweckt. Ich öffnete die Augen und richtig, der Mann von gestern Abend stand in meinem Schlafzimmer.
„Wie ist dein Name?“, fragte ich.
„Will Hofmann.“
„Warte.“, aber es war zu spät, ehe ich ihm noch etwas fragen konnte, war er schon wieder verschwunden.
Am nächsten Morgen, traf ich Herrn Wildhut zufälligerweise im Flur.
„Ach Herr Wildhut, eine Frage bitte, hat hier mal ein gewisser Will Hofmann gewohnt?“
„Was geht Sie das an?“
Mit diesem Satz ließ er mich im Treppenhaus stehen. Doch so einfach würde ich mich nicht von ihm abwimmeln lassen. Heute Abend würde ich ihn erneut fragen, aber vorher musste herausbekommen, ob es hier mal einen Nachbarschaftsstreit gegeben hatte. Das herauszubekommen war kein Problem, da ich ja in einem Mehrfamilienhaus lebte, ich beschloss Frau Meier einen Besuch abzustatten, die Frau wohnte immer hin schon seit fast 50 Jahren hier, vielleicht konnte sie ja ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Ich läutete und wartete einen Moment, als mir eine ältere Dame die Tür öffnete sagte ich: „Guten Tag Frau Meier, ich will Sie nicht lange stören, ich wollte nur wissen, ob Sie den Herrn kannten, der vor mir hier gewohnt hat?“
„Sie meinen nicht zufällig Herrn Hoffmann?“, entgegnete sie.
„Doch genau den meine ich, ich möchte ganz gerne wissen, was er für ein Mensch war und ob er und Herr Wildhut Probleme miteinander hatten?“
„Ach der Herr Hofmann war ein überaus höflicher Mensch der keiner Fliege was zu leide tun konnte. Er war immer höflich und hilfsbereit nich.“
„Hatte er mit irgendjemandem hier im Haus Probleme?“
„Ja mit dem Herrn Wildhut, aber wieso wollen Sie das wissen?“
„Ich arbeite an einer Geschichte, die über Beziehungen der Nachbarschaft geht.“, log ich. „Worüber haben die Beiden sich den gestritten?“
„Der Herr Wildhut ist ein Mann der sich über jede Kleinigkeit aufregt, der muss immer was zu meckern haben sonst ist der nicht zufrieden. Er hat sich darüber geärgert, wenn der Hoffmann mal Geburtstag gefeiert hat und es ein wenig lauter im Haus wurde nich. Uns hat das ja wenig gestört, nur dem Herrn Wildhut ist, dass ziemlich auf den Zeiger gegangen nich. Die Beiden hatten sich ständig an´ ne Köpe.“
„Verstehe, wissen Sie den auch noch was mit dem Herrn Hoffmann anschließend passiert ist?“
„Das war seltsam nich, irgendwann dat war glaub ich im Januar diesen Jahres oder so, da ist der Herr Wildhut am Abend vor dem Tod von dem Herrn Hoffmann bei den Garagen gewesen, dat hab ich durchs Fenster gesehen nich, aber wat der da gemacht hat dat weiß ich nich.“
„Das haben Sie auch der Polizei damals mitgeteilt?“
„Das hab ich. Nich abba irgendein Bekannter, hat dem Wildhut dann für die Tatzeit nen Alibi besorgt nich und so is er dann freigesprochen worden nich.“
„Sie glauben also tatsächlich, dass der Herr Wildhut den Herrn Hoffmann umgebracht hat?“
„Dat trau ich dem durchaus zu nich.“
„Danke, ich werd dem Herrn Wildhut mal ein wenig auf den Zahn fühlen.“
Dieses Gespräch brachte mich in meinen Ermittlungen weiter, noch am selbem Tag besorgte ich mir ein Tonband Gerät, ich wollte dem Herrn Wildhut, jetzt in die Enge treiben, ich war zwar eigentlich kein Kommissar, aber diesen Fall wollte ich alleine aufklären, wahrscheinlich würde die Polizei mit den Erkenntnissen die ich bis jetzt gewonnen hatte, so oder so nicht einschreiten also beschloss ich die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Ich besorgte mir also ein Tonbandgerät, anschließend läutete ich bei Herrn Wildhut. Als er öffnete sah er mich an und meinte: „Sie schon wieder was wollen Sie?“
„Ich wollte nur fragen, ob Sie nicht eine Herrn Hoffmann kannten, er soll hier mal gelebt haben?“
„Ich hab Ihnen schon einmal gesagt, dass Sie das einen feuchten Dreck angeht, stecken Sie Ihre Nase gefälligst nicht in andere Angelegenheiten:“
„Sie kennen also einen Herrn Hoffmann?“
Für einen Moment wurde Herr Wildhut blass, dann stieg blanker Zorn in ihm auf und er schrie: „Wenn Sie nicht bald von hier verschwinden, wird Sie das gleiche Schicksal ereilen wie dem Herrn Hoffmann.“
„Sie haben ihn also doch umgebracht?“
„Ich habe niemanden umgebracht, obwohl er es verdient hätte.“
„Was für ein Schicksal meinen Sie denn sonst?“
Ich hatte Herrn Wildhut bei den Eiern, erst jetzt bemerkte er, dass er sich verraten hatte. Er sah mich entsetz an und stammelte: „Ich, ich, ich, habe das nicht gewollt, ich wollte ihn nicht umbringen.“
Nach seinem Geständnis, ließ er sich auf den Sessel nieder, er war zu geschockt, um überhaupt an Flucht zu denken. Ich rief die Polizei, die eine Viertelstunde nach meinem Anruf eintraf und Herrn Wildhut festnahm. Er legte ein umfassendes Geständnis ab, während die Beamten ihm zum Auto führten. Das Tonband wurde als Beweismittel beschlagnahmt, während ich mich nach meiner Aussage in meine Wohnung zurückzog, ohne seitdem von einem Geist belästigt zu werden.

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